Schangel Schöppenstedt richtet im September Tipp-Kick Einzelmeisterschaft aus
Raffinierte Schüsse aus dem Zeigefinger

Zeitungsartikel Wolfenbütteler Zeitung vom 28. Juli 1990

  zurück


 

Wer sich für Fußball interessiert, kennt auch Tipp-Kick. Und wer sagt, dieses Spiel sei doch nur etwas für Kinder, dem sei zumindest Mißtrauen entgegengebracht. Denn die Metallkicker, die ihr rechtes Bein auf Knopfdruck bewegen, um den, zwölfeckigen schwarzweißen Ball in Richtung des 6,9 x 7,5 Zentimeter großen Tores zu schießen, liegen in fast jedem Haushalt noch in irgendeiner Ecke und werden spätestens beim nächste Großreinemachen hervorgekramt und ausprobiert.

Tipp-Kick ist - neben Tischtennis - sicher die am weitesten verbreitete Sportart, die man in den eigenen vier Wänden spielen kann. "Sportart?" wird sich der aufmerksame Leser jetzt fragen. Schließlich genügt zum Schuß der Druck des Zeigefingers auf ein kleines Knöpf eben, das der Figur aus dem Kopf ragt. Zumindest, so erzählt Georg Becker vom Spielkreis (SK) Schangel Schöppenstedt, strebe der Deutsche Tischfußballverband die Mitgliedschaft im Deutschen Sportbund an. Und wie beim richtigen Fußball tragen auch die Tipp-Kicker ihre nationalen Titelkämpfe aus, treten in Bundesligen an und kämpfen um Auf- und Abstieg.

"Wir hatten einst die einzige Damenmannschaft der Welt, erinnert sich der 36jährige Becker an das Jahr 1984, als vier Frauen vereinsintern sogar manchmal gegen männliche Konkurrenz siegreich blieben. Beim Tischfußball, versteht sich. Zwar haben die Frauen mittlerweile ihre etwa daumengroßen Figuren "an den Nagel gehängt", doch der SK Schangel hat keine Nachwuchssorgen. Die jüngsten der 22 aktiven Mitglieder sind Isabell und Sascha, beide elf Jahre alt.

Schöppenstedt spielt mit einem Team in der Oberliga und versuchte bisher verzweifelt, in die zweigeteilte zweite Bundesliga hinaufzuklettern. Zwei Vertreter hat der Klub noch in der Verbandsklasse, der vierten und niedrigsten Staffel. Eine Mannschaft besteht übrigens aus vier Tipp-Kickern, und jeder darf pro Match ebensoviele Figuren benutzen. Denn die Füße und Schußbeine der kleinen Männchen sind raffiniert angefeilt, da hat jedes seine ganz besonderen Eigenschaften.

Die silbernen Rohlinge, die von ihren Besitzern häufig phantasievolle Trikots mit besonderen Farben aufgemalt bekommen, sind individuell bearbeitet. Der Spezialist für Eckbälle beispielsweise hat einen extrem abgeflachten Fuß und angefeilte Schienbeine. Außerdem gibt es Extra-Figuren für Flachschüsse (Fachjargon: Bretter), Heber und Bälle aus der Halbdistanz. Die neue Generation der Tipp-Kick-Figuren sei nicht mehr aus Gußeisen, erklärt Becker, sondern aus Stahl. Deshalb wären die Figuren nun widerstandsfähiger. Ein Spieler verbraucht pro Saison acht Männchen.

"Kondition, Konzentration und ein waches Auge" seien die Voraussetzungen für den Tipp-Kick-Profi, meint Vereinsgründer Georg Becker, der jeden Freitag von 18.30 Uhr an das Training im Jugendheim am Höhenweg leitet. Dann werde hart gearbeitet: Bretter und Heber würden geübt, besonders verbessern müssten sich die Schöppenstedter aber bei Situationen im Strafraum. Die Analysen des Coaches hören sich an, als würde mit dem Lederball auf Rasen gekickt.

Einen Termin dürfen sich die Tischfußballfreunde schon jetzt in ihren Sportkalender notieren: Zum dritten Mal nach 1981 und 1984 ist Schangel Schöppenstedt am 15. und 16. September Veranstalter der Deutschen Einzelmeisterschaften im Tipp-Kick. An diesem Wochenende kann jeder - sofern er ein Startgeld von elf Mark entrichtet - in der Sporthalle am Sportplatz um Titelwürden mitstreiten. Gespielt wird dann auf 125 x 85 Zentimeter großen Spielfeldern.

Die Favoriten kommen allerdings nicht vom Lokalmatadoren, sondern unter anderem vom nationalen Mannschaftsmeister Hildesheim-Drispenstedt, der mit Frank Nachtigall auch den Titelverteidiger stellt. Bester SK-Spieler ist bisher Mirko Dippe, er belegte einmal Rang 10 im Einzel. Am zweiten Veranstaltungstag wird übrigens zusätzlich eine U 15-Meisterschaft gespielt. men