31. Deutsche Tipp-Kick-Meisterschaften in Schöppenstedt - 180 Teilnehmer am Start
Ohne Koffer geht in "Wimbledon" nichts

Zeitungsartikel Braunschweiger Zeitung vom 10. Sept. 1996

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Fest in der Hand der Tipp-Kick-Spieler war am Wochenende die Doppelturnhalle in Schöppenstedt. Dort fand die 31. Deutsche Meisterschaft dieses Tischfußballspiels statt, das für die Beteiligten dem Original mit Abstand am nächsten kommt.

Wie beim echten Fußball sind Eigenschaften wie Schnelligkeit, Reaktionsfähigkeit und ein gutes Auge gefragt. "Wer Fußball spielt, hat große Vorteile", spannt Georg Becker, Vorsitzender des SK Schangel, den Bogen zum großen Bruder. Die Schöppenstedter haben in der Szene einen guten Ruf. Laut Becker gelte man als das "Tipp-Kick-Wimbledon", so daß alle Fingerkünstler immer wieder gerne in die Eulenspiegelstadt pilgern.

Bereits zum vierten Mal fanden die Meisterschaften deshalb am Elm statt. An vierzig Platten, die auf jeweils zwei Schultische gestellt wurden, ging es hoch her. Stabilere Stangen in den Toren sorgten dafür, daß auch gewagtere Paraden möglich waren, ohne gleich das Gehäuse aus der Verankerung zu reißen. Mit dem lockeren Match zu Hause hatte das Spiel nur noch bedingt etwas zu tun. Jeder Akteur brachte einen Spielerkoffer mit, in dem er seine Metallhelden aufbewahrte. Ob Eckball, Weitschuß oder Freistoß, für jede Spielsituation gab es einen Spezialisten, der in liebevoller Bastelarbeit zu Hause präpariert worden war.

Doch so ein geheimnisvolles Köfferchen, das nicht aus den Augen gelassen wird, gibt noch mehr her. "Eine Feile ist in jedem Koffer", berichtete Becker, und auch Pflaster, Unterlegscheiben, Kerzen oder Streichhölzer helfen bei der Präparation der Spieler. Schußbeine aus Aluminium sind momentan der große Hit in Spielerkreisen. Genau will sich natürlich niemand in die Karten schauen lassen.

Auch die Vorbereitung auf die Spiele ist sehr verschieden. Becker zum Beispiel steckt immer seine Hand samt Spieler in die Hosentasche, um ein Gefühl für den Spieler zu bekommen und die Hand auf Betriebstemperatur zu bringen. So merkt er auch sofort, wenn noch ein Tropfen Öl für die Geschmeidigkeit des Schußbeins fehlt. Andere Tipp-Kicker schwören auf Traubenzucker oder ein bestimmtes Stirnband oder T-Shirt als Glücksbringer.

Von 1500 registrierten Spielern hatten sich rund 180 in Schöppenstedt eingefunden. Neben dem Kicken kam auch der Spaß nicht zu kurz. Bei einer gemeinsamen Party am Sonnabend Abend sah man sich Videoaufzeichnungen von früheren Höhepunkten an und frischte alte Freundschaften wieder auf. Für Becker ist dieser Aspekt ganz wichtig, denn er weiß: "Ohne Idealismus geht gar nichts." Den müssen die Fingerakrobaten auch haben, finden die Turniere doch in ganz Deutschland statt. Die Hochburg steht in Lübeck, doch wenigstens in einem Bereich sind die Spieler des SK Schangel nationale Spitze: Ihre schicken lila-weißen Fußballtrikots waren mit Abstand die schönsten.

Schade, daß das Spiel mit dem vieleckigen Ball fast eine reine Männerdomäne ist, denn nur einige wenige Frauen waren in der Doppelturnhalle vertreten. Vor acht Jahren gab es in Schöppenstedt das bislang einzige reine Frauenteam in Deutschland, das sich dann aber wieder aufgelöst hat.