Der Ball ist nicht rund ... und Tipp-Kick kein Kinderspiel!
Der ultimative Tip(p)-Kick

Artikel SUBWAY 9/1997

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Bekanntlich wird König Fußball nicht nur auf dem Rasen gehuldigt. Als Miniaturausgaben für Spielkeller, Wohnzimmer oder die Kneipe, kommen die unerbittlichen Fights der Bundesliga noch einmal auf den Tisch. Es gibt aber auch noch ganz andere Kicker: Die Tipp-Kicker. Wer hat nicht in jungen Jahren den kleinen Zinkmännchen auf den Kopf geschlagen und damit ein zweifarbiges, vieleckiges Ding über die 120 mal 80 Zentimeter kleine Filzplate gebolzt? Ja, aber das ist doch ein Kinderspiel - oder nicht? Und spätestens mit dem Eintritt in das Erwachsenenleben laut der größte Teil der noch so leidenschaftlich spielenden Tipp-Kicker die Finger von den kleinen Männchen. Nur dem Zufall gehorchte der zweifarbige Ball -und wer will schon ein Kinderglücksspiel spielen? Dem Freundeskreis, oder vielleicht schlimmer noch, der Freundin (bzw. dem Freund) erklären zu müssen, man hätte heute keine Zeit, weil man zum Tipp-Kicken geht? Ausgeschlossen! Tipp-Kick ist was für Kinder - basta! Eine unüberbrückbare Schlucht zwischen Tipp-Kick und Erwachsenenprofession?

Wohl nicht, denn SUBWAY wollte es genau wissen und besuchte den nächsten Tipp-Kick-Verein der Region, wo sich Profis der 2. Bundesliga (!) den ultimativen Kick geben. Trotz dieser hohen Platzierung, kickt der SK Schangel aus Schöppenstedt fast unbemerkt von der allgemeinen Sportszene. "Wir sind ein kleiner Kreis von ca. 20 Mitgliedern, die sich jeden Freitag zum Training treffen. Mundpropaganda ist das wirksamste Mittel, um neue Spieler zu gewinnen", erläutert Georg "Schorse" Becker die möglichen Gründe. Er ist Gründungsmitglied, Vereinsvorsitzender und Trainer in einer Person des schon 20 Jahre bestehenden Vereins. So oder ähnlich ist wohl auch die Situation in Peine, Wolfsburg, Drispenstedt oder anderswo. Auch bei den Topprofis der 1. Bundesliga, z. B. in Hildesheim, Lübeck oder Düdinghausen fließt nicht das große Geld für Trainer oder ähnliches. Tipp-Kicker sind Enthusiasten und Idealisten. Zwar gibt es auch in großen Städten Tipp-Kick-Vereine, doch vor allem in ländlichen Bereichen ist der Sport inzwischen ein Geheimtipp.

Obwohl man auf nunmehr fast 60 Jahre Vereinsgeschichte zurückblickt (der TFG Hildesheim wurde 1938 gegründet), rangierte Tipp-Kick in der Beliebtheitsskala erwachsener Mitteleuropäer bislang eher unter den belächelten Aktivitäten, wie z. B. Pappis Modelleisenbahntick. Daran konnte auch das offizielle Verbandsorgan, die "tipp-kick rundschau" des Deutscher Tipp-Kick-Verbands (dtkv) wenig ändern. Es war unmöglich, diesem Sport eine charismatische Ausstrahlung zu geben, da der Zufall den vieleckigen Ball auf die Seile des glücklicheren der beiden Spieler legte. Denn nur der Spieler, dessen vorher ausgewählte Farbe - schwarz oder weiß - oben liegt, ist wortwörtlich am Drücker. Doch plötzlich wurde alles anders: was die Tipp-Kicker insgeheim ahnten, wurde endlich Wahrheit! Nicht der Zufall ist es, der den Ball auf die spielbestimmende Farbe legt, sondern gezieltes Treffen. Anschneiden oder Schlenzen. Bei vielen war das erste Tipp-Kick Spiel, wie zum Beispiel bei Georg Becher, bloß ein Weihnachtsgeschenk, und gespielt wurde zuerst in der Kneipe.

Aus dem belächelten Kneipenspiel ist aber mehr geworden. Viele eigene Regeln, Spielzüge und Taktik bestimmen den Einsatz der "kleinen Fußballer", die der Apothekenmöbelfabrikant Carl Meyer 1924 erfunden hatte. Mit Fußball hat das ganze auch weniger zu tun als man glauben mag. Zwar sieht das Spielfeld täuschend ähnlich aus und auch die kleinen Figuren erinnern an die Akteure auf dem Rasen. Die Tipp-Kicker wollen aber nicht gern als Nachäffer betrachtet werden. Mag es die jugendlichen Tipp-Kicker oft noch nebenbei im Fußballverein halten: die Älteren spielen Tipp-Kick, und zwar meistens ohne Fußballambitionen.

Zwei Figuren bestreiten das Spiel. Der Torwart, der sich auf Knopfdruck nach links oder rechts hechten kann, und ein Feldspieler. Natürlich ist Auswechseln von der Bank erlaubt. Stolz präsentiert Becker seine umgebauten Spieler: "Für verschiedene Situationen und Schußtechniken braucht man die jeweils passenden Spieler. Je nach dem kann einer der vier möglichen Spieler eingewechselt werden. Die Figuren haben inzwischen eine äußerst ausgefeilte Technik mit verschieden langen Beinen für Heber, Elfer oder Effetschüsse."

Und so wie äußerlich von den zahmen Hobbyfiguren nicht viel übrig geblieben ist, so steckt in ihnen oft auch eine völlig neue Mechanik. So langsam begreift man: Tipp-Kick ist definitiv kein Glücksspiel. Das ist keine Kinderbeschäftigung als Bolzplatzersatz für regnerische Tage, sondern ein Zweikampf von Taktikern und Tüftlern. Die Taktik bestimmt das Spielgeschehen, und Tüfteln muß man schon, bis die Figur genau das macht, was sie soll. Das gezielte Treffen einer bestimmten Kante und dabei den Ball auf der eigenen Farbe halten erfordert fachmännisches Feilen und Schrauben. Zusammenfassend räumt "Schorse" Becker ein: "Es stimmt schon, daß Tipp-Kick mit Imageproblemen zu kämpfen hatte und immer noch einige hat. Wir haben lange Zeit gebraucht, um akzeptiert zu werden. Es ist zum Teil heute noch so, daß die Leute glauben, Tipp-Kick sei ein reines Glücksspiel. Das stimmt aber nicht, denn das Spiel hat in Wirklichkeit viel mehr mit Blitzschach als mit Fußball zu tun."